Aus Onkel Anders' Bücherregal

Hans Anders, der, da er bei der Redaktion des renommierten Magazins Planet Herrmann arbeitet, wenig Geld verdient, bezieht seine Bücher trotz geraumer Entfernung größtenteils aus dem Kilobuchladen (1 kg kostet EUR 5,-) oder von Flohmärkten. Dabei stößt er immer wieder auf Publikationen, die ihm und den meisten anderen Menschen bislang völlig unbekannt waren und oft nicht gerade brandneu, aber dennoch von allerhöchstem Empfehlungsgrade sind. Da Kilobuchladenbücher größtenteils Mängelexemplare und Remittenden sind und auf Flohmärkten i.d.R. stets mit Tabak vollgekrümelte oder schokoladeverschmierte Altbücher angeboten werden, kann keine Aussage darüber gemacht werden, ob das besprochene Buch überhaupt noch im einwandfreien Neuzustand im einschlägigen Handel erhältlich ist.

Hans Anders,
der REZENSATOR

Kôbô Abe: Die Känguruhhefte
Anders' Exemplar: Eichborn, 1996, ca. 185 S.

Kôbô Abe ist einer der bedeutendsten neueren japanischen Schriftsteller, der sehr stark von westlichen Literaten beeinflußt wurde und wahrscheinlich deswegen überhaupt für einen Europäer verständlich übersetzt werden kann.
Die Känguruhhefte
ist sein letzter Roman, erschien in Japan 1991 und wurde bereits fünf Jahre später erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht.

Zum Inhalt:
Der namenlose Held des Romans bemerkt eines Tages, daß ihm Kresse aus den Beinen wächst, was ihn veranlaßt einen Dermatologen aufzusuchen, der ihn sofort operiert. Auf dem Krankenbett festgeschnallt beginnt unvermutet eine faszinierende, völlig absurde, beklemmende, phantasievolle Reise des Helden durch Tunnel, Bergwerke, die Kinderhölle u.v.a.m.
Der Romanheld ernährt sich beispielsweise, während er mit seinem Bett reist, von der Kresse auf seinen Beinen (die er mit seinem salzigem Schweiß würzt), trifft seine verstorbene Mutter, die noch zu Lebzeiten ihre Augen verkauft hat oder er findet an seinem Infusionsbeutelhalter Tintenfischgekröse, bevor er mit um die Beine gewickeltem Handtuch ein Bekleidungsgeschäft betritt, wo ihm dann die Krankenschwester des Dermatologen den Katheter entfernt und das Tintenfischgekröse in die Toilette spült.
Trotz flüssiger Erzählweise und raschen Szenenwechseln verzichtet Abe dankenswerterweise auf die typisch-klischeehafte Gossensprache dummgekiffter, blödgesoffener,   rudimentärstilistischer ungebildeter amerikanischer Autoren vom Schlage eines Rudy Rucker oder der Matschbirnen, welche die Illuminatus-Bücher verbrochen haben.
Im Gegenteil: trotz kurzer Sätze handelt es sich um ein auch stilistisch durchaus überzeugendes Werk, wobei mit Sicherheit ein großer Teil des Lobes dem Übersetzer gebühren muß.

Die Känguruhhefte bestechen vor allem durch die faszinierende, aberwitzige Absurdität der Handlung, die niemals in banalen Slapstick abgleitet. Selbst die hanebüchensten Handlungsabläufe und Situationen werden mit einem Selbstverständnis geschildert, als ob der Autor diese regelmäßig selbst erleben würde.

Das ganze Werk verbreitet einerseits eine beklemmende Stimmung, ist aber andererseits keineswegs unspaßig. Vielleicht hätte eines Tages Franz Kafka so geschrieben, wenn er ein paar Jahrzehnte länger hätte üben können. Vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls gehört Kôbô Abes Die Känguruhhefte zu den besten 50 Romanen, die ich je gelesen habe.

Nachtrag: Ich kenne mittlerweile vier Abe-Romane, von denen Die Frau in den Dünen fast an die beklemmende Absurdität der Känguruhhefte heranreicht. Nicht minder empfehlenswert!



Flann O'Brien: Irischer Lebenslauf
Suhrkamp Taschenbuch, 1941, dt. 1977, 160 S.

Über Flann O'Brien (1911-1966) noch große Worte zu verlieren, wäre überflüssiger, als Whiskey nach Irland zu verschiffen, wenn, ja wenn nicht doch noch der eine oder andere Leser diesen großartigen Schriftsteller und brillanten Satiriker nicht kennen würde. Schließlich gibt tatsächlich noch Leute, die mangels ausgeprägten Lebensalters verständlicherweise noch nicht alles gelesen haben können.
Flann O'Brien, der eigentlich Brian Nolan hieß und in gälischer Sprache satirische Texte unter dem Pseudonym Myles na Gopaleen in der Irish Times veröffentlichte, ist einer der meistgelesenen irischen Schriftsteller und einer der Lieblingsautoren von James Joyce.
Irischer
Lebenslauf
erschien 1941 unter dem Titel An Béal Bocht (engl: The Hard Mouth) in irischer Sprache und schürte den Zorn all jener, die sich selbst als die Hüter der irischen Sprache begriffen. Warum? Das findet man im

Inhalt:
Das Buch ist eine Lebensgeschichte eines »typisch irischen« Helden namens Bonaparte O'Coonassa, der in einer Form von Armut aufwuchs, deren Beschreibung mir beim Lesen die Lachtränen  in die Augen trieb.
So wuchs er z.B. in einem Haus, am Rande einer Schlucht, wo niemals die Sonne schien, heran. Das Haus besaß
keine abgetrennte Zimmer und man schlief zusammen mit dem Vieh. Flann O'Brien schildert die aberwitzigsten, absurdesten Situationen und die groteskesten Auswüchse der Armut  in einer wunderbar feinsinnig-süffisanten Ton, der seinesgleichen unter den Satirikern sucht.
Die typisch irische Eigenart des Jammerns wird im Irischen Lebenslauf aufs Groteskeste übertrieben und Flann O'Brien läßt kein einziges Klischee aus, auf dem er herumtrampeln könnte.

Eine Kostprobe?
»Das Haus war eng und, bei meiner Seele, die Lage war beengt und beängstigend, wenn die Nacht hereinbrach. Mein Großvater schlief bei den Kühen, und ich persönlich schlief mit dem Pferd, Charlie, einem stillen, freundlichen Tier. Oft begannen die Schafe einen Zank untereinander, und oft genug erhob ich mich morgens, ohne ein Auge zugetan zu haben, so laut war das Blöken und Brüllen, das sie anzustimmen pflegten«.

Selbstredend sind alle anderen Romane Flann O'Briens von In Schwimmen-Zwei-Vögel über Der dritte Polizist und Das harte Leben ausnahmslos und uneingeschränkt empfehlenswert, jedoch halte ich den Irischen Lebenslauf für den idealen Einstieg in die kleine irische Welt dieses herausragenden Autors, dem kaum ein anderer das Wasser reichen kann.



William Kotzwinkle: Ein Bär will nach oben
Rowohlt-Taschenbuch, 1998, 270 S.

Ja, ja, ja, William Kotzwinkle ist der Kerl, der den kleinen, widerlichen Pisser E.T. verbrochen hat, aber was macht man nicht alles für Geld... Der 1943 geborene Pennsylvanier schreibt nämlich auch echte Bücher. Fan Man, Dr.Ratte und Filmriß sind ebensowenig wie das hier besprochene Ein Bär will nach oben dem Kinderbuchgenre zuzuordnen, mitnichten, nein, nein, ganz und gar nicht.
Ein Bär will nach oben
erschien 1996 unter dem Titel The bear went over the mountain, ein Jahr später in deutscher Fassung bei Eichborn und bereits 1998 als Taschenbuch bei Rohwolt

Zum Inhalt:
Es ist eine Geschichte von einem Bären, der ein Bestsellermanuskript unter einem Baum entdeckt, es stiehlt, liest, einem Literaturagenten anbietet und nach und nach in der bunten, lauten Welt der Menschen zu einer Berühmtheit aufsteigt. Niemand scheint merkwürdigerweise zu bemerken, daß es sich bei dem grobschlächtigen Bären namens Hal Jam um einen Bären handelt. Seine Wortkargheit (aufgrund des beschränkten Horizonts: HONIG!) wird als Weisheit mißdeutet und Vergleiche mit Ernest Hemingway können dann natürlich nicht länger ausbleiben.
Der Bär ist nicht nur eine gute, lustige Geschichte, sondern vor allem eine pointierte Satire auf die amerikanische Romanindustrie, die an Dekadenz, Überflüssigkeit und Lachhaftigkeit derjenigen Hollywoods in nichts nachzustehen scheint. Schließlich gibt es in den USA bekanntermaßen keine Unterscheidung zwischen Schund und Literatur…
Wer Kotzwinkle schon kennt, wir feststellen, daß dieser Roman – im Gegensatz zu den Geschichten rund ums Hot Jazz Trio - erwachsener, durchdachter und ausgereifter wirkt und das in ganz und gar positivem Sinne.
Ein klasse Buch, kann man wirklich kaufen.



Sven Böttcher: Götterdämmerung
Haffmans, 1992, 275 S.

Sven Böttcher, geboren 1964, ist Schriftsteller und Drehbuchautor und schrieb/schreibt neben Krimis auch gelegentlich Beiträge für die Satiremagazine Titanic und Kowalski. Götterdämmerung ist einer der wenigen Nichtkrimis von Sven Böttcher und erschien 1992 im Haffmans-Verlag.

Zum Inhalt:
Ausnahmsweise werde ich hier einfach mal die Umschlagrückseite zitieren, ich denke, das wirft ein gründlicheres Licht auf dieses  durchweg nobelpreiswürdige Werk als jegliche Rezensiererei:

»Dicht unter Thors Helmkante wucherte eine gigantische, blaurot schillernde Beule, und Athene machte sich diesen wunden Punkt ihres Gegners unbarmherzig zunutze. Sie stürmte auf den gen Himmel rasenden Asen zu, wirbelte ihre Lanze durch die Luft und traf Thor, der den schnellen Bewegungen nicht so recht folgen konnte, mit dem unteren, stumpfen Lanzenende auf der Beule.
Auch Götter haben irgendwann die Schnauze voll. Thor jaulte verletzt auf und hieb sich mit beiden Händen auf die Beule. Während Mjölnir nutzlos von seinem Handgelenk in die Stratosphäre über England baumelte, stieß er einen markerschütternden Schmerzensschrei aus. "Woooaaaohhauuuiiiiaaaaaarrghhhh! Bei allen Göttern, du verfluchte Griechenschlampe, das kriegst du wieder! Gnaaarrrghhiiiiauuuuiii!"
Die verfluchte Griechenschlampe ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und entriß dem Jaulenden seinen Hammer.
«

Noch Fragen?



Michail Dschawachischwili: Das fürstliche Leben des Kwatschi K.

Scherz, 1991, 378 S.

Michail Dschawachischwili wurde 1880 in dem südgeorgischen Dorf Zerakwi geboren. Nach der Dorfschule folgte eine Landwirtschaftsschule und ein Studium am Agrarinstitut Jalta. Er traf auf Tolstoi, Tschechow, Korolenko und Maxim Gorki, den er neben Guy de Maupassant als bleibendes Vorbild ansah. Dschawachischwili starb 1937.
Das fürstliche Leben des Kwatschi K. wurde zuerst 1924 unter dem Titel Kwatschi Kwatschantiradse in Georgien publiziert und ist 1991 mit dem rezensierten Buch zum ersten mal außerhalb dieses Landes veröffentlicht worden.

Zum Inhalt:
Der Roman trägt den Untertitel »Ein Gauner- und Schelmenroman aus Georgien«, was an Till Eulenspiegel, Gogols »Tote Seelen« oder auch an Felix Krull denken läßt. Aber Kwatschi K. ist weit davon entfernt, lediglich Schelm und liebenswerter Hochstapler zu sein. Kwatschi Kwatschantiradse, dem keine Frau widerstehen kann, ist ein ausgebuffter Gauner, der Bürger und Edelmann, seine Großmutter und sogar den Mönch Rasputin über den Tisch zieht und dabei seinen Schnitt macht. Einige male entgeht er dem Galgen und bringt es sogar fertig, während und mit der russischen Revolution dicke Profite einzufahren, bis ihm der Boden zu heiß wird und er sich in einem türkischen Bordell zur Ruhe setzt. 
Alles in allem ein geniales und mehr als verblüffendes Werk, das in Georgien seit Jahrzehnten zu den meistgelesenen Romanen gehört. Warum Kwatschi K. erst jetzt in eine andere Sprache übersetzt wurde (und dennoch kaum bekannt ist), bleibt ein Rätsel, außer vielleicht man weiß, daß die Georgier in Osteuropa genau den Ruf haben, den Kwatschi K. verkörpert. Mit anderen Worten: Das Klischee wird geradezu übererfüllt.
Ein Klasseroman, richtig fies, hinterhältig und gemein und erfrischenderweise völlig ohne
»Wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe«.



Josef Neubauer: Die Krähen
Ferdinand Berger & Söhne, Horn/Wien, 1981, 176 S.

Josef Neubauer wurde 1911 in St. Aegyd in Niederösterreich geboren. Er ist Doktor eines kaufmännischen Studienfachs und arbeitete als oberster Chef der Zentralsparkasse und Kommerzialbank Wien. Die Krähen ist, nach zwei veröffentlichten Gedichtbänden, Neubauers erster und vermutlich einziger Roman. Ich habe im Netz zu Neubauer nichts relevantes gefunden, wenn ihr was wißt: Her damit! (wg. Spamschutz: ersetze # durch )

Zum Inhalt:
Das Buch basiert auf der Geschichte des Programmierers Franz A., der sich von seinem zwielichtigen Nachbarn einreden läßt, die Saatkrähen, die jeden Winter aus Rußland nach Westeuropa ziehen, seien sowjetische Spione und trügen Miniatur-Apparaturen zur Überwachung bei sich. Aus diesem Grunde müßten die Krähen vernichtet werden. Franz A. entwickelt einen irrsinnigen, paranoiden Haß auf die Tiere und plant deren restlose Vernichtung, wobei der Plan letztendlich an seiner Lächerlichkeit scheitert.
Die Idee und die Geschichte des Romanes ist wirklich großartig, völlig abgedreht und durchaus spannend umgesetzt. Allerdings mangelt es Josef Neubauer dermaßen an schriftstellerischem Talent, daß man das Buch nur mit schlechtem Gewissen empfehlen kann. Wem der Schreibstil eines Jugendlichen (Neubauer war zum Veröffentlichkeitszeitpunkt 70 Jahre alt!) nicht sauer aufstößt, dem sei der Roman wärmstens empfohlen, falls er ihn überhaupt jemals irgendwo finden kann.



Herbert Rosendorfer: Die Nacht der Amazonen
dtv, 1992, 285 S.

Herbert Rosendorfer wurde 1934 in Bozen geboren, lebte lange Zeit in München als Richter und war zuletzt am Obersten Landesgericht Naumburg tätig. Danach zog er wieder in die Nähe von Bozen. Aber das wißt ihr ja sowieso schon.
Die Nacht der Amazonen erschien 1989 bei Kiepenheuer & Witsch und ist Rosendorfers waßweißichwievielter Roman und mit einer der besten, die bisher veröffentlicht wurden. Denn: Ob ihr es glaubt oder nicht, von Rosendorfer gibt es nicht nur die Briefe in die chinesische Vergangenheit, sondern auch noch rund einen halben Meter (als Taschenbücher!) weitere Romane . Und die sind größtenteils hervorragend.

Zum Inhalt:
Es ist die Geschichte des Mitläufers Christian Weber, einem Duzfreund Adolf Hitlers und Nazis der ersten Stunde im München der zwanziger Jahre. Eine wunderbare Geschichte über einen Dummkopf, der so manchem Nazi zu späterer Größe verholfen hat, aber mangels Vorzeigbarkeit geschasst wurde, als sie dann durch Lügen und Erpressung des Stimmviehs tatsächlich an die Macht kamen. Rosendorfer erzählt hier mit seiner ihm ureigenen Art des entlarvenden Humors nahe an den historischen Tatsachen und mit einer gehörigen Portion Bissigkeit. Man erfährt so manches intime Detail und allerhand Peinlichkeiten aus den Anfängen der Nazizeit, und zeigt, daß die späteren Unterdrücker nicht nur Verbrecher, sondern genauso kleine, brunzdumme, ungeschickte Würstchen waren, wie man das schon immer geahnt hatte. Ein herausragendes,  hochinteressantes und dennoch lustiges Zeitdokument.
Unbedingt empfehlenswert!



Heimito von Doderer: Die Merowinger oder Die totale Familie

dtv, München, 1965, 307 S.

Heimito von Doderer, geboren 1896 in Weidlingau bei Wien, gestorben 1966 in Wien, studierte Geschichtswissenschaft und zählt durch seine Romane Die Strudlhofstiege und Die Dämonen als einer der bedeutendsten Schriftsteller Österreichs. In Deutschland wohl vorwiegend aufgrund seines ungewöhnlichen Vornamens bekannt, hat von Doderer neben seinen o.g. Hauptwerken, die ernstgemeinte Beobachtungen der Wiener Gesellschaft um 1900 sind, mit Die Merowinger 1962 einen Brüller geschrieben, der seinesgleichen am Olymp der satirischen Literatur nur schwerlich findet. 

Zum Inhalt:
Der Roman besitzt einige rote Fäden, die gegen Schluß zusammenlaufen. Einer dieser Fäden ist Freiherr Childerich von Bartenbruch, der zu unglaublichen Wutanfällen neigt und durch merkwürdige Heirats- und Adoptionspolitik sein eigener Vater, Großvater, Schwiegervater und Schwiegersohn wird. Der vermutliche Merowinger-Nachfahre verfolgt des Ziel der totalen Familie (La famille c'est moi!) in letzter Konsequenz: Verprügelt mir nicht jeden! Dafür aber die Richtigen saftig!
Zweiter roter Faden ist der Psychiater Dr. Horn, der zu Wutanfällen neigende Herren durch mehr als abartig-skurrile Methoden zu heilen sucht, natürlich nicht ohne gleichzeitig dafür zu sorgen, daß ihm die Kundschaft niemals ausgeht. Gegenspieler beider ist (u.a.) Doctor Döblinger, der  eine Weile seine Idee der physiognomischen Gerechtigkeit verfolgt und Personen gewissen Aussehens auf offener Straße verprügeln läßt, denn -so Döblinger- ab einem gewissen Alter ist man für sein Aussehen verantwortlich (z.B. dumm-beleidigt blickende Beamte). Zudem quält Firma Hulesch & Quenzel, welche die Menschheit durch Detailpeinigungen (Verbreitung von Pein-Artikeln, wie z.B. an der Tasse haftende Untertassen, schneidende Kragenknöpfe, künstlicher Taschenschmutz...) in Schach zu halten sucht. Und der das übrigens auch bestens gelingt. Dann gibt es da auch noch Pippin, den direkter Gegenspieler Childerichs, der vermutlich karolingischer Abstammung ist und gegen Ende des Buchs einen Krieg (in fünfhebigen Jamben beschrieben) gegen Childerich von Bartenbruch anzettelt.
Diese ausufernd grotesken Szenarien werden in einer konsequent detailgenauen Sprache beschrieben, die ein wenig an das Amtsdeutsch der Jahrhundertwende erinnert (gemeint ist 1900).
Fazit: Köstlich, großartig, famos und schier unglaublich!

Allerdings: Grundvoraussetzung für ungetrübten Lesegenuß ist ein gerüttelt Maß an Allgemeinbildung: Sei's Kenntnis von Latein und der klassischen Literatur als auch einen Wortschatz, der das Vokabular vor Einführung des Privatfernsehens beinhaltet:
»Zur "Plombe" hingegen verwendet man einen feuchten Boxhandschuh, der bei hohler Hand die Kopf-Kalotte bedeckt. Dies genügt fast immer zur Erzeugung augenblicklicher Benommenheit und zum Vollhauen des Buckels während derselben. Hüte sind kein Hindernis, im Gegenteile. Sie können im Augenblicke der Application mit der linken Hand nach vorn über's Gesicht geklappt werden. Ist die "Plombe" zu stark, dann erfolgt der sogenannte "Plauz", das heißt, der Plombierte fällt nach vorn um. In diesem Falle muß sich der Plomber rasch entfernen«.



Joseph Breitbach: Das blaue Bidet
S. Fischer, 1978, 452 S.

Joseph Breitbach entstammt väterlicherseits einer lothringischen und mütterlicherseits einer Tiroler Familie und wurde 1903 geboren. Er wirkte als Journalist, aufgrund seiner zweisprachigen Erziehung, ein Leben lang für die Verständigung zwischen Franzosen und Deutschen. Neben dem vorliegenden Roman schrieb er Theaterstücke, Erzählungen und eine Unmenge von Briefen an andere Autoren. Er starb 1980.
Das blaue Bidet
erschien 1978 im S. Fischer Verlag und ist Breitbachs letzter Roman.

Zum Inhalt:
Wolltet ihr schon immer einmal wissen wofür man(n) ein Bidet braucht? 
Der Roman handelt von einem jungen Mann, der Reisebegleitung für den Lebensabend eines älteren Herren, von Beruf ehemals Knopffabrikant, ist. Der ältere Herr hat stets ein blaues Reisebidet samt maßgeschneidertem Koffer bei sich und führt den jungen Begleiter in seine Gentleman-alter-Schule-Sichtweise der Welt ein, die der junge Mann letztendlich übernimmt. Im Laufe der Reise ergeben sich jede Menge aberwitziger, humoriger, absurder, lächerlicher und auch peinlicher Situationen, ohne jemals in dumpfe Albernheiten abzugleiten. Allein der hochanständige und belehrende Charakter des Älteren, der (natürlich) immer und überall den Verfall der Höflichkeit anprangert birgt ein schier unerschöpfliches Potential an hirnerweichend idiotischer Konversation. Man mag über Breitbach denken was man will, das Blaue Bidet ist jedenfalls ein absoluter Knüller in der Walhalla der komischen Literatur. Unbedingt uneingeschränkt und unbedenklich empfehlenswert.



Roland Topor: Memoiren eines alten Arschlochs
detebe, 1977, 197 S.

Roland Topor wurde 1938 als Sohn polnischer Juden geboren und zählt zu den vielseitigsten Künstlern unserer Zeit. Er war Zeichner, Maler und Illustrator, Schriftsteller (Der Mieter) Bühnenautor, Regisseur, Filmemacher, Schauspieler und Bühnenbildner. Er starb am 16.04.1997 in Paris.
Die Memoiren eines alten Arschlochs erschienen 1975 im Original als Mémoires d'un vieux con bei Editions Balland, Paris und 1977 auf Deutsch im Diogenes Verlag, Zürich.

Zum Inhalt:
Ich zitiere mal wieder den Klappentext, weil man es besser nicht formulieren kann: 
Nach den Memoiren von Konrad Adenauer, Brigitte Bardot, Rainer Barzel, Simone de Beauvoir, Ingmar Bergman, Charles Chaplin, Rudi Carrell, Salvador Dalí, Elisabeth Flickenschildt, Charles de Gaulle, Bob Geldof, Harald Juhnke, Curd Jürgens, Katia Mann, Shirley MacLaine, Reinhold Messner, Yoko Ono, Will Quadflieg, Heinz Rühmann, Matthias Rust, Jean-Paul Sartre, Helmut Schmidt, Harald Schuhmacher, Franz Josef Strauß, Roger Vadim, Lech Walesa und Carl Zuckmayer nun auch die Memoiren eines alten Arschlochs!
»Topor macht sich über die Erinnerungsbücher von Zeitgenossen lustig, die mit ihren prominenten Bekannten prahlen. Insgesamt 382 Berühmtheiten läßt Topor über seinen fiktiven Lebensweg stolpern. Beispiel: Als Topor eine betrunkene Frau ins Bett bringen will, kommt ihm George Orwell zu Hilfe. gemeinsam schleppen sie die Ohnmächtige zu deren Hotelzimmer. Es trägt die Nummer 1984. Topor zu Orwell: >Sieht aus wie ein Datum.< Orwell seufzt: >Ich müßte wieder zu schreiben anfangen.< Topor ist so witzig wie Woody Allen. (Darmstädter Echo).« 
Ich finde Topor eigentlich noch viel witziger. Eine geniale Parodie auf die überflüssigsten Buchstabencontainer dieses Planeten, die Autobiographien. Ein Geniestreich!



Douglas Adams: Die Per-Anhalter-durch-die-Galaxis-Trilogie
Tom Sharpe: Das Gesamtwerk
Terry Pratchett: Die Scheibenwelt-Romane

»Mööönsch Hansanders, warum rezensierst Du nicht mal....« 
Na ganz einfach, die kennt doch schon jeder, das wäre ja die totale Platzverschwendung! Douglas Adams, Terry Pratchett und Tom Sharpe sind einfach so gut, daß ich mir nicht vorstellen kann, daß sie irgend jemand mit einem winzigen Funken Humor noch nicht gelesen hat. Und falls doch, dann wird's aber Zeit!

 

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