Die Eifelwanderung Eine liebenswerte Geschichte von Hans Anders Beiläufig erwähnend, daß man sowieso niemals falsch gehen könne, wenn man in Speisen der herzhafteren Sorte Kümmel einbringt, schlenderte der Kare neben dem Lugge durch die Eifel einher, an der Rur entlang. Nachdem sie sich an der größten Wasserorgel der gesamten Nordeifel und an den im Walzertakt hüftenwiegenden wohlgenährten Kellnerinnen in der Seniorenfütterungsstätte am Rursee ergötzt hatten, wanderten sie zwar einerseits flußab, andererseits aber landauf und -ab dahin und guckten in die Luft und aufs Wasser und zu Boden und nach links und nach rechts und vor sich und hinter sich.
Da sagt der Lugge aus heiterem Himmel: »Kommt ein Mann zum Urologen und sagt: Herr Doktor, Herr Doktor, ich kriege meine Vorhaut nicht zurück.« Meint der Kare: »Ja, und?« Der Lugge daraufhin: »Weißt du, was der Arzt darauf sagt?« Kare: »Nein, was denn?« Lugge: »Mist, ich hab’s auch vergessen und dachte, du wüßtest das noch. Der Witz war nämlich wirklich gut.« Gesprächspause. Schweigen. Tacet. Schritte. Atmen. Stille. Schuhe knarzen. Ein donnernder Pup. Räuspern. Hüsteln. Ein Eichelhäher schrie: »Ääääää, äääääää, äääääää, äääääää, äääääää, äääääää, äääääää!!!« Dann wieder Stille. Waldesrauschen. Insektenschwirren. Ein Specht hackte einen Baum kurz und klein. Eine Rotte Wildschweine raschelte im Unterholz herum und verursachte unanständige Geräusche. Undefinierbare Vogelgeräusche jedweden Kalibers. Blätterrauschen. Schritte. Da war der Wald plötzlich zu Ende.
Ohne sich darum zu kümmern schlenderten die beiden weiter in den lieben langen Tag hinein. Ab und an kichert der Kare blöde vor sich hin, weil ihm ohne Vorwarnung unverhofft ein lustiger Witz eingefallen war, den er dem Lugge aber schon mindestens zwanzig mal erzählt hatte, so daß dessen wiederholte Rezitation nicht von Erfordernis war. Plötzlich und unerwartet sahen sie etwas in der Rur treiben. Der Kare sprang ganz aufgeregt herum und schrie »Hey, da schwimmt was im Fluß, sakra, sakra, schau mal Lugge, da drüber, da schwimmt doch was!!!« Der Lugge meinte daraufhin nur trocken: »Seh’ ich auch.«
Vier Stunden später wanderten sie immer noch am Rurufer flußabwärts und die Maas, welche den Fluß Rur aufzunehmen sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, war bei weitem noch nicht einmal annähernd in greifbare Nähe gerückt. Ja, sie kamen gerade erst mal eben in das schöne Rokoko-Städtchen Düren an der Rur. Da konnten sie aber sich nicht an sich selbst festhalten und wichen von Ihrer Route ab, um im weltweit berühmten Geronto-Szene-Café Café Lichtschläger ordentlich Kuchen einzuwerfen und Kaffee abzupumpen, bis daß der Wanst den Gürtel sollte sprengen. Und so geschah es dann aber auch. Stunden später wanderten sie wieder zum Rurufer und erspähten plötzlich einen Kerl der halb bewegungslos im Wasser trieb. Der Lugge schrie: »Das ist doch der Wastl Kaunertaler aus Kolbermoor!!!« »Jaa«, rief Kare, »den müssen wir rausholen, sonst versäuft der uns!!!« Der Lugge holte sein Lasso aus einer der vielen Innentaschen seiner jakutischen Zobelfellparka, schwang es wie ein diplomierter Rentierhüter über dem Kopfe herum, warf die Schlinge beizeiten, traf prompterweise die Körpermitte des Treibenden und hievte den ohnmächtigen Rurbader zu guter letzt auch noch zum Ufer. Das muß man sich mal vorstellen! Unglaublich! Der Kare startete sofort eindringliche
Wiederbelebungsversuche, indem er den Bewußtlosen zuallererst von seinen weltlichen Besitztümern erleichterte, damit seine Seele frei werden möge. Bei Durchsicht der Geld- und Dokumententasche bemerkte er aber, daß sie den Falschen aus dem Wasser gezogen haben.
»Du, Lugge, hier im Ausweis steht gar nicht Wastl Kaunertaler, sondern Hubert Moosmeier aus Tutzing.« Da denkt der Lugge kurz nach. Ein Licht des Begreifens spiegelte sich in seinen herben, schmutzzerfurchten Gesichtszügen. Der Schimmer der Erkenntnis fraß sich plötzlich in sekundenschnelle wie ein Erosionsvorgang in sein grobes Antlitz. Und er öffnete die staubverbrämten, wettergegerbten Lippen und hauchte voller Ehrfurcht: »Hahaaa, weißt du wer das ist?« Kare: »Nein.« Lugge: »Aber ich. Das ist der Schwager von der Bamberger Zenta. Weißt du jetzt, wen ich meine?« Kare: »Nein.« Lugge: »Das ist der, dem seine Frau sein ganzes Land und den Hof verkauft hat, mit dem Geld durchgebrannt ist und ihm dann auch noch einen Mord an sich selbst in die Schuhe geschoben hat und er dann fast anderthalb Jahre in U-Haft eingesessen ist, bis die Schlampe zufällig mal in eine Verkehrskontrolle gekommen ist und der ganze Schwindel aufflog. Und dann hat man auch noch festgestellt, daß er irgend so eine unheilbare Krankheit hat, Multiplex Zirrhose oder so etwas.« Kare: »Ach so, DER Moosmeier Hubert aus Tutzing ist das.« Lugge: »Genau. Das kann ich freilich gut verstehen, daß der sich hier am Arsch der Welt hat umbringen wollen, wo er sowieso nix mehr zu verlieren hat.« Der Kare schweigt ein paar Sekunden und sagt dann voller Mitleid: »Den trifft der Schlag, wenn der mitkriegt, daß er noch lebt.« Der Lugge daraufhin sofort: »Ja genau, dann schmeißen wir ihn halt einfach wieder rein in die Rur!« Der Kadaver in spe fing plötzlich laut an zu röcheln und zu zucken. Doch der Kare fackelte nicht lange, trat einmal kräftig mit dem Absatz gegen den Moosmeierschen Schädel, damit die üblen Geräusche aufhörten. Anschließend schmissen sie den Kerl mit einem lauten »Schwuppdiwupp« in die Rur zurück. Die beiden Samariter gingen weiter und wunderten sich, daß der Moosmeier doch tatsächlich an die siebenhundert Mark dabei gehabt hat. Das muß wohl der kärgliche Rest von seiner Haftentschädigung gewesen sein. Eine stahlblaue Schmeißfliege umsurrte Kares graue Persianermütze und ließ sich in seinen buschigen Augenbrauen nieder, ohne daß es der Kare merkte. Komisch, dachte die Fliege, eigentlich müßte doch schon längst Nacht sein. Sie krabbelte an Kares Umhängefuchs hinab, die Bärenfellweste entlang bis sie die rechte Tasche erreichte und kuckte auf der messingfarbenen Taschenuhr (aus Gold) nach, wie spät es eigentlich war. Es war erst Dreizehn Uhr. Da schimpfte die Fliege vor sich hin: »So ein blöder dummer Sack von Autor, die Kerle sind doch schon mindestens 12 Stunden bei Tageslicht unterwegs. Da kann es doch nicht erst ein Uhr nachmittag sein. So ein verkackter Blödsinn, totale Klatsche, der Junge!«
Da klingelte plötzlich ihr Mobiltelefon. Der Autor war dran und teilte der Fliege folgendes mit: »Maul halten! Ein Zeitparadoxon in einer Erzählung ist keines, du Blödian! So etwas nennt man künstlerische Freiheit, du Gilbarsch! Ich kann schreiben was ich will, ist das klar! Und wenn ich schreiben will, daß es jetzt sieben Uhr morgens ist, dann ist das sieben Uhr morgens, basta! Und jetzt mach’ die Meile, such Dir einen Scheißhaufen und friß Dich voll, oder der Kare haut Dich einfach platt!« »Ha, haha, hahaha!« lachte die Fliege während des Telefonierens wieder zu Kares kuscheliger Augenbraue fliegend und sich dortselbst niedersetzend, »du kannst mir gar nix, du doofer Autor, Sackgesicht, Pimmelnase, Warmduscher, Kapotschinotrinker, Sitzpinkler, Erdnußschäler, Schuhspanner, Cabriofah!!!«. Angeekelt zupfte Kare an seiner Augenbraue herum, bis er auch die allerletzten blauen Fliegenrückstände daraus entfernt hatte.
Ein kleines Liedlein pfeifend ging er anschließend neben dem Lugge weiter und freute sich der warmen Mittagssonnenstrahlen, die sich wie ein weichgespültes Frotteehandtuch sanft über der Jülicher Platte ausbreiteten.

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