Anfangstext

Auch 10 Jahre nach Entfernung des eisernen Vorhangs bleiben eine Menge Fragen zurück, die bislang nicht oder nur unzureichend geklärt werden konnten. Eine davon lautet:

Weshalb gab es zwischen 1950 und 1990 eine schier unglaublich große Anzahl von Atombombentests?

Hätte es nicht genügt, vielleicht drei oder vier Stück pro Land zu zünden? Reicht das nicht, um zu sehen ob die Dinger hochgehen oder nicht? Warum mußte man den Mist Hunderte male hochjagen?

Eine mögliche Antwort darauf findet sich nun mit dem Buch Der Overkiller. Es handelt sich um die Memoiren eines Mannes aus Deutschland (!), der von 1950 bis 1985 in einer kleinen Werkstätte in dem zwischen Tegernsee und München gelegenen Städtchen Otterfing Zünder, Gehäuse und Steuerungselemente fast aller Atombomben weltweit hergestellt und vertrieben hatte.

Der Autor, der verständlicherweise anonym bleiben möchte, nennt sich in der Biographie Xari Friesenegger, was auch der damalige Handelsname für die Atombombenteile seiner Firma Xaris Atombombenmanufactur & Cie, Otterfing war

In Der Overkiller schildert ’Friesenegger’ seinen Werdegang, angefangen von der Anbahnung erster Kontakte mit den USA und den Russen, über die Schwierigkeiten in den 50er und 60er Jahren, als er mit der Produktion kaum noch hinterher gekommen war, bis hin zu den Problemen mit den Zulieferern der Elektronik-Elemente der 70er und 80er Jahre. Die immens große Nachfrage nach seinen Produkten und der Umstand, daß er weitgehend im Verborgenen unter den wachsamen Blicken und dennoch schützenden Hand des unweit ansässigen BND operieren mußte, führte dazu, daß er in der Branche trotz seiner marktbeherrschenden Position keinen guten Ruf hatte. ’Friesenegger’ war z.B. im Pentagon als übler Schlamper bekannt, lieferte aber dennoch die brauchbarste Ware und war vor allem schnell und bei Reklamationen äußerst kulant. Trotzdem gab es bei seinen Bombenkonstruktionen eine Ausfallquote von 10-20%, was zur Folge hatte, daß die Atommächte jahrzehntelang immer und immer wieder Tests durchführen mußten.

 

Hier eine kleine Leseprobe aus dem Kapitel Die ’wilde’ Zeit der 60er Jahre:

Um drei Uhr morgens klingelte das Telefon. Das Pentagon war am Rohr:

»Hey Sari, kam sofort her, die Shitbomb Number 148-58/61 geht nicht«

Ich packte meinen Notfallkoffer, warf mir noch rasch einen Mantel über, fuhr zum nächsten Ami-Stützpunkt nach Garmisch runter und irgend so ein Grünschnabel jettete mit mir rüber nach Amerika, mitten in die Wüste. Beim Aussteigen sah ich, daß ich immer noch meine Filzpantoffeln anhatte. Ich dachte mir: »D’rauf g’schissen, der Xari ist und bleibt der Schnellste in der Branche, da gehören solche Schönheitsfehler einfach dazu«.

Der Amioffizier führte mich durch endlose Gänge zur Bombe, zeigte wütend darauf und schrie:

»Hier, Bullshit, das geht nicht! Ich druck ten times rote Knopf und das Ding macht nix. Kein verdammtes Bumm. Nix!«

Ich sagte bloß »Ja, schaumeramoi“ und klappte meinen Werkzeugkasten auf. Da drin hatte ich immer alles, was man für solche Notfälle braucht: Meterstab, zwei Flaschen Augustiner, Hammer, Isolierband, Zange, Inbusschlüssel, Säge, Schraubenzieher usw.

Die doofen Amis konnten wegen ihrer bescheuerten Zollmaße keine einzige Inbusschraube aufkriegen, weil es in dem ganzen blöden Land einfach keine metrischen Inbusschlüssel zu kaufen gab. Oder sie hielten meine ’crazy gauges’ für ’Top Secret’ und russensicher. Was weiß ich.

Ich machte also die Abdeckung runter und kriegte erst mal so einen Hals, wie ich sehe, daß die Kugellager vom Zündmechanismus total eingelaufen waren.

Ich hatte damals noch die Angewohnheit, bei der Arbeit vor mich hin zu brummeln: »Ja so a Hallodri! Der hod ned bloß zehn- sondern zehntausendmal auf den Knopf druckt, der Depp! So a Oaschloch! Rindsgsicht!« Ich nahm dann die Zünderverkleidung ab und schaute mir den Zusammenführungsmechanismus für die kritische Masse an: »Aha!  Scho wieda a Kabel aus der Lüsterklemme aussibrochen. Wird Zeit, dos i amoi von dem Bakelitzeigl wegkimm. Owa was moch i nachat mid de ganz'n Lagerb'schtänd? Oioioioi! Soooo! Dös hamma glei! ...und wos is des da? Ja Sacklzäfixnoamoinei Huraglumpvareckts, mei geht de Schraum schwaar. Zäfix, zäfix, zäfix! Und i hob mei Caramba vagessn. Mei, bis i jetzat dem Neger erklär’ wos a Caramba is, da probier i’s liaba mit Gwoit. Oans, zwoa, hauruck! Etzala, wer sagt’s denn...«

Die ganze Aktion hatte gerade mal fünf Minuten gedauert und dafür holten die Amis mich mitten in der Nacht aus dem Bett. Das war einfach typisch für die Jungs. Aber was soll’s, bei meinen Preisen mußte so ein Service eben mit drin sein. Und die Amis waren da recht spendabel und zickten nicht wegen ein paar Tausendern rum, wie die Engländer oder später dann auch die Nigerianer und die Äthiopier. Ich wollte gerade gehen, da sagte doch der Amioffizier glatt zu mir:

»Du, Sari, nix weggehen. Du bleibs hier bis die Bomb hoch gegangen is. Okay?«

»Ja, ja«

»Was soll heißen Ja, ja!!! Ja, ja heiß kiss my Ass you motherfucker!«

»I moan: is scho recht«

»Okay, okay, now let’s see wie das Ding hochgeht.«

Ein paar Stunden später saß ich wieder im Flieger und widmete mich einer Flasche Augustiner. Komisch, bei den Amis durfte man bei der Brotzeit nie Bier trinken, die Russen hatten da gar nichts dagegen.

Kaum hatte ich ausgepennt, klingelte es an der Tür und ein Spediteur mit Berliner Kennzeichen stand auf der Matte.

»Sin se dieser Chsari Friese-Neger? Icke hab hier« liest ab »een Stück Atombombe, defekt, zur Reparatur? Ick darf dette nur persönlich abjeben. Bin ick da wohl richtich, wa?«

»Jo freili. Fahramoi um’d Hoin ummi, i hol derweil mei Ameisn«

»Wat is?«

»Fahren Sie bitte hinter die Halle, ich hole derweil meinen Gabelhochubwagen für Mitgänger«

»Wat?«

»Meinen Stapler!«

»Ach so«

Die Atombombe war wieder mal vom Russ’. In einem Begleitschreiben baten sie höflich um kostenlose Reparatur bzw. um Stellungnahme, welchen Bedienungsfehler sie gemacht haben könnten.

Ja, die Russen waren immer höflich und außerdem nicht so penetrant, mich jedesmal ins Testgelände zu fliegen, nur weil irgendeins von den Dingern klemmte, was bei den Temperaturen in Nowaja Semlia oder wo die das hochjagten eh’ kein Wunder war.

Die größten Wichtigtuer waren übrigens die Franzosen. Doch das ist ein anderes Kapitel.


Ein spannendes, internationales Stück Geschichte aus dem kalten Krieg über eine hochbrisante Person, deren wahre Identität nur einer handvoll Menschen bekannt war.
Die Biographie ist packend erzählt und der Autor ’Xari’ entpuppt sich als liebenswerter, freundlich-vertrottelter Handwerker, dessen Handlungen trotz der heiklen Thematik immer bodenständig und nachvollziehbar bleiben.
Uneingeschränkt empfehlenswert!

Xari Friesenegger: Der Overkiller; Herrmann-Verlag, 328 S., Leinen, DM 39,80

 

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