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»Jova-was? Kenn' ich nich!« 1988 veröffentlichte ein junger italienischer Bursche ein Album mit dem überaus einfallsreichen Namen Jovanotti for President. Unter dem absolut beknackten Cover hält es typische 80er Jahre Rap/Funk-Musik mit allerlei geklauten Samples aus 70er/80er Hits bereit (von Fragmenten aus Pump up the Volume über James Brown und Sister Sledge bis hin zu Smoke on the Water). Vielleicht war das seinerzeit spektakulär, aus heutiger Sicht ist die Scheibe zumindest nicht unwitzig und extrem tanzbar (zumindest für so alte Säcke wie mich), auch wenn die 80er Drumbox- und Synthieklänge manchmal Kotreiz erregen können. Zum Ausgleich rapt/singt Jovanotti englisch, mit unüberhörbarem italienischen Akzent, was ziemlich klasse klingt. Der junge Bursche, der in Wirklichkeit
Lorenzo Cherubini heißt, ist auf jeden Fall um keinen Deut schlechter als die Machwerke zeitgenössische amerikanische Hitschreiberlinge, welche in dem Album ausgiebig zitiert werden (LL Cool J, Grandmother Flash, Run DMC etc. pp...).
Aber dann... | ...gab es nur ein Jahr später ein weiteres Album, welches sich erneut durch ein ganz besonders dämliches Cover und die Tatsache auszeichnete, daß es diesmal komplett in italienischer Sprache gesungen ist. La Mia Moto ist wesentlich eigenständiger, zeigt Songwriter-Qualitäten und läßt erkennen, daß Jovanotti kein debil-verblödeter DJ ist, der lediglich anderer Leute Songfragmente zusammenstückeln kann. Das gesamte Album ist ein wenig gitarrenlastiger, es wird weniger gerapt... insgesamt würde ich sagen, das ist guter Italo-Rock/Pop mit einer guten Prise Funk/Rap. Die Texte sind -wenn mich meine rudimentären Italienischkenntnisse nicht trügen- ganz witzig und
größtenteils frei von sentimentalem Eros Ramazotti-Hausfrauenquatsch.
Kaum hatten sich die Spaghettis an Lieder wie »Siamo Cowboy« gewöhnt... | ...kam noch ein neues Œvre auf den Markt, welches mein absoluter Allzeit-Favorit für bescheuerte CD- bzw. Plattencover sein wird. 1990 wagte es Lorenzo Cherubini das Album Giovani Jovanotti auf den Markt zu bringen, welches sich noch wesentlich weiter Richtung partytauglicher Italo-Pop bewegte, aber dafür auch ein paar richtige Hits enthielt, von welchen Ciao Mamma sogar dem einen oder anderen Radiohörer in Deutschland untergekommen sein dürfte. Ich tippe mal darauf, daß hier versucht wurde, Jovanotti zum heiter-beschwingten jugendlichen Italo-Star mit kaputtzuproduzieren, was zum Glück aber nicht gelungen ist... ...denn... | ...das vierte Album Una Tribù Che Balla war ein 100%iges Rap- bzw. Hip Hop-Album (die Italiener können ja bekanntermaßen kein »H« am Anfang eines Worts aussprechen, deswegen steht auf der Platte auch »MUSICA RAP AL 100% - 50 CONTENUTO 50 MOVIMENTO« und nichts von wegen »Hip Hop«). Die Scheibe ist zweifellos absolutes Weltniveau und hat ein gerüttelt Maß an Jazzeinflüssen, aber man hört auch mal ein paar harte Gitarren, Reggae oder Dancefloor-Rhythmen. Mit anderen Worten: sehr bunt, sehr abwechslungsreich und sehr anspruchsvoll. Wir erinnern uns: Die erste Scheibe der
bis zum heutigen Tage einzigen ernstzunehmenden deutschsprachigen Rap/Hip Hop-Formation namens Die fantastischen Vier erschien im selben Jahr, als Lorenzo schon bei Nummer 4 war. Die erste Scheibe der Fanta 4 heißt übrigens »Jetzt geht's ab« und enthält nicht das Stück »Die da« sondern ist stilistisch eher mit Jovanotti for President zu vergleichen. Eines hat Jovanotti mit dieser Scheibe bewiesen: Italienisch ist die wahrscheinlich am besten für Rap geeignete Sprache, die man sich überhaupt vorstellen kann. Kein hip-hoppender Afro-Amerikaner, mag er auch noch so üblen Gossenslang rezitieren, kann der italienischen Sprache auch nur annähernd das Wasser reichen, was den "Flow" betrifft. Unbedingt mal reinhören! Damit nicht genug, | Jovanotti bastelt eifrig an seinem Stil weiter. Es ist übrigens ziemlich unwahrscheinlich, daß sich Fanta 4 und Jovanotti schon 1991 gekannt haben, aber sie haben in den nächsten Jahren einen ähnlichen Weg bestritten. Die nächsten beiden Alben Lorenzo 1992 und Lorenzo 1994 sind konsequente Weiterentwicklungen von anspruchsvollem italienischen Rap, einer kleinen Prise Jazz, Funk, ein bißchen Italo-Schnulze (die Mädels wollen den guten Lorenzo schließlich auch gut finden dürfen) und jeder Menge Humor. Ähnlich, wie »Lauschgift«
immer noch die ultimative Fanta 4-Scheibe darstellt, sind diese beiden Alben der Scheitelpunkt von Jovanottis Laufbahn als 100%-Rapper. Hierzulande dürfte (mit ein paar Jahren Verspätung) der »Serenata Rap« zum ersten mal einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden sein. Ich kann mich sogar dumpf erinnern, seinerzeit davon ein Video in einem der beiden Sender, die heute japanische Zeichentrickfilme für Päderasten (interessant dabei ist, daß Japaner offenbar ihre sog. "Schlitzaugen" zu kompensieren versuchen, indem sie Figuren mit besonders großen Augen
zeichnen - warum allerdings alle15 Sekunden weiße Kleinmädchenschlüpfer gezeigt werden, ist mir jedoch schleierhaft) oder idiotische amerikanische Starportraits und 100% drehbuch-/regiegeführte Pseudo-Dating-Shows zeigen, gesehen zu haben. Das soll übrigens keinethalben bedeuten, daß Signore Cherubini danach nur noch Scheiße von sich gegeben hat. Mitnichten! Weiteres hierzu in den nachfolgenden Abschnitten. Als logische Konsequenz aus den erklecklich verkauften 2-3 Alben gab es dann für die Mädels NATÜRLICH
auch ein Best-of-Album namens Lorenzo 1990-1995 Raccolta, welches sämtliche -teilweise dumpf in Erinnerung so manches teutonischen Musikhörers schwelenden- Hits des mittlerweile hervorragend gereiften Burschen enthält. Die große Wende... | ...in Jovanottis Schaffen kam mit Lorenzo 1997 L'Albero. Nicht etwa, daß Jovanotti plötzlich dem Sprechgesang abhold geworden wäre, nein, er setzt ihn nur weitaus zielgerichteter und effektvoller ein. Vor allem zeigen die Kompositionen und Arrangements ein Niveau, welches man kaum für möglich hielte, wenn man vorher nur eine der ersten 3 Scheiben kannte. Natürlich dominieren hier Funk-Rhythmen, was typisch für die Musik der späten 90er Jahre ist (zur Erläuterung: Rap, Soul, Drum'n'Bass, Chili Peppers, Hip Hop, Grunge, Bands wie Blink 182 u.v.a.m.
verwenden alle den selben Funk-Rhythmus, der so etwa Mitte der 60er er- bzw. gefunden wurde), auch der eine oder andere funkige Titel ist dabei, aber allein von der Instrumentierung und Harmonik ist das Album ein wahrer Diamant und mit Sicherheit nicht nur mein persönlicher Favorit. Man hört Querflöte, Hammondorgel, Jazzgitarre, allerlei Gastsänger/-innen, Bläsersätze (die aber schwer nach Korg M1 klingen) und Harmonien/Riffs, die man noch nicht 10.000.000 mal gehört hat. Ein Hoch auf die Dissonanzen! Ist es Jazz? Nö, soweit würde ich nun wieder nicht gehen. Es ist hmmmm, intellektuelle Popmusik(???). Auf jeden Fall unbedingt kaufenswert! In die gleiche Kerbe... | ...schlägt Lorenzo 1999 Capo Horn. Die Scheibe ist ähnlich kreativ und bunt, wirkt aber etwas unspektakulärer. Das liegt aber eher daran, daß man sich erst ein wenig einhören muß, denn das Album eröffnet sich einem nicht beim ersten Auflegen. Es sind zwar ein paar schnulzige Refrains dabei (wär' ja sonst kein Italiener), aber dafür gibt es auch jede Menge Überraschungen zum Thema Instrumentierung/Arrangement. Insgesamt ist es ein sehr, sehr reifes Album von einem, der sein DJ-tum schon so weit hinter sich gebracht hat, daß davon
zum Glück kein Quantum mehr vorhanden ist. Nun, ein richtiger »Funky Beat« fehlt natürlich auch nicht. Ich würde gerne noch etwas über die Texte referieren, aber mein rudimentäres Italienisch reicht einfach nicht aus. Klar, die Substantive und die Titel sind kein Problem, aber wie er das rüberbringt, kann ich nicht genau sagen. Es klingt jedenfalls so, als ob der junge Mann ein gerüttelt Maß an Humor besitzt. Ich lasse mich aber gerne belehren! Insgesamt ein sehr erwachsenes Album und unbedingt zu empfehlen. Da war dann noch... | ...ein Anno 2000 erschienenes Live-Album, das aber klanglich dermaßen beschränkt ist, daß ich keine großen Worte verlieren möchte. Dafür muß jedoch das 2002er Album Il Quinto Mondo unbedingt ein paar lobende Zeilen bekommen. Es stellt eine konsequente Weiterentwicklung von »L'Albero« und »Capo Horn« dar, teilweise schräg, teilweise sehr funky, teilweise rockig, teilweise schnulzig, immer witzig, immer überraschend. Diese drei Alben lassen zum Glück deutlich erkennen, daß es selbst in unserem Jahrhundert noch ein paar Musiker gibt, die eigene Ideen haben, witzig sind, verschiedene Stilrichtungen zum besten geben können und trotzdem Geld verdienen. Ich muß gestehen, ich wüßte derzeit keine deutschsprachige erfolgreiche Pop-Band, die auch nur annähernd den Einfallsreichtum und der bunten Vielfalt Jovanottis nahe kommen könnte. Bevor der geneigte Leser nun den Zeigefinger erhebt, tief einatmet und zum Streitgespräche ansetzt:
gemeint sind damit Dinge wie Arrangement, Komposition, Stilsicherheit und Interpretation. Wenn jemand zwei Gitarren unisono mit dem Baß zu einem Funk-(Hip-Hop-Grunge-Crossover) Schlagzeug spielt, so ist das einfach nichts als ein großer Haufen Schülerbandscheiße, auch wenn die Texte noch so witzig sind. So, das mußte einfach mal gesagt sein. Auf diesem Album ist übrigens auch der absolut ultimative Italo-Rap. Der Track 13 mit dem hübschen Namen »Date al Diavolo un Bimbo per Cena« zeigt ausnahmslos JEDEM amerikanischsprachigen MC,
in welchem Land der dickste Hammer hängt. Dieser schier unglaubliche "Flow" funktioniert einfach in keiner anderen (mir bekannten) Sprache. Mit Il Quinto Mondo hat man den ganzen Jovanotti in einem Album: den Künstler/Komponisten und den Hammer-MC. Einfach
superguto-optimat! War es das schon? | Beinahe. 2003 gab es ein Gemeinschaftsprojekt der Musiker des Soleluna-Labels, mehr oder weniger unter der Leitung (?) von Jovanotti. Zumindest singt er. Das Album stammt vom sogenannten Collettivo Soleluna und
heißt Roma,
was übrigens auch der Wohn- und Geburtsort von Lorenzo Cherubini
ist. Inwiefern das ein Jovanotti-Album ist, kann ich beim besten Willen nicht
sagen, stilistisch paßt es jedenfalls nur teilweise zu den anderen. Es ist eher ruhig, lateinamerikanisch durchsetzt, teils recht jazzig und schräg, teilweise aber auch ein wenig in Richtung Drum'n'Bass abgleitend und sehr akustisch. Das soll heißen, man hört eine Menge "echter" Instrumente. Auf jeden Fall bunt und frisch. Mir gefällt es sehr gut, ich denke aber, das ist Geschmackssache. Es wird da wohl jeder, der sich für "echte" Musik interessiert, einen Favoriten finden, aber vielleicht
ebenso auch mal ein Stück, das am Player weitergedrückt wird. Ach ja, falls jemand ein Unwort wie den Namen der
Schlagersängertruppe »Söhne Mannheims« in Zusammenhang mit dem Collettivo Soleluna zu bringen beabsichtigte,
der sollte unbedingt vermeiden, bei Gewitter seine Notdurft zu verrichten.
Aaaaaber
endlich... | ...urplötzlich
und unerwartet gab
es nach langem Darben ein neues Album, erschienen Mitte Mai
2005, das auf den Namen Buon Sangue hört und sich
zwar nicht ganz nahtlos, aber dennoch formschlüssig in die Reihe
der Vorgänger einfügt -wenn man mal von der Kollektivproduktion Roma absieht. Der
Eröffnungssong (Tanto)³
ist, nennen wir's mal weitgehend elektronisch, es folgt eine
Italo-Schnulze, dann ein fast schon folkiges Stück mit Anleihen
an französische Musik, voller gesampelter,
fast-wie-echt-klingender Instrumenten und allerlei rein
elektronischen Sounds. Anschließend ein schneller Sprechgesang,
der fast schon in Richtung Dancefloor geht. Und so geht das
dann weiter.
Buon Sangue ist
also extrem abwechslungsreich, musikalisch hochinteressant, sehr
erwachsen und vor allem ein echter Jovanotti. Weder die Schnulze,
noch der Kinderreim-Rap Mani in Alto, noch der knallharte
Undergroundfunk wirkt in irgendeiner Form aufgesetzt, es ist und
bleibt alles völlig authentisch. Sicher nicht sein
überraschendstes Album, aber mit Sicherheit das ausgereifteste.
Unbedingt ein paarmal reinhören, spätestens beim zweiten
Durchlauf kommt man davon nicht mehr los
Fazit:
| | Jovanotti ist mit Sicherheit einer der interessantesten Popmusiker Kontinentaleuropas, der keinen Vergleich mit den amerobritischen Kollegen vom Niveau eines beispielsweise Peter Gabriel zu scheuen braucht. Darüber hinaus ist Italienisch eine gar wunderbare Sprache für (Sprech-)Gesang, was
letztlich bekanntermaßen auch schon die frühen Opernkomponisten erkannt haben. Ich denke, der Kerl hat es durchaus verdient, daß man ihn diesseits der Alpen deutlicher zur Kenntnis nimmt.
Nachtrag:
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Interessanterweise
gab es im Juni/Juli 2005 einige wenige Konzerte
im deutschsprachigen Raum. Lorenzo ist nicht nur ein
phantastischer Musiker, sondern ohne Zweifel einer der
präsentesten Kerle, die ich jemals auf der Bühne gesehen hätte.
Und das mit erstklassigen Musikern im Kreuz. Mannomann!
Trotz Jahrgang 1966 springt der Kerl auf der Bühne herum wie drei
bis vier Derwische mit Hämorrhoidenproblemen, dirigiert, gemahnt
nicht nur dabei teilweise -auch musikalisch- schwer an Frank Zappa
und sieht dabei (mittlerweile) aus wie ein Jesusdarsteller aus
einer billigen Italienisch-/Spanisch-/Jugoslawischen
Historienschinken-Koproduktion aus den 60er Jahren. Man kann sich
nur glücklich schätzen, daß der Mann politisch auf der
richtigen Seite steht (trat u.a. auch bei
Anti-Globalisierungsdemos auf) und kein katechistoider
Fernsehprediger ist.
Welch' Pathos und Überzeugungskraft! Auch wenn man -im Gegensatz
zu 95% des restlichen Publikums- höchstens mal die Refrainzeile
versteht.
Natürlich singen 60-70% des Publikums (=Italienerinnen) seine
Schnulzen mit, aber da es nur sehr wenige Schnulzen sind, ist das
weiter nicht schlimm.
Leider traut er sich einfach
nicht außer Sichtweite der Alpen, so daß vermutlich wieder mal
nur ein rudimentärer Prozentsatz der italienischstämmigen und
dennoch deutschsprachigen
Bevölkerung davon etwas mitkriegt.
Also: Wenn er
denn doch mal kommt: NIXWIEHIN!!!
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