Unter der Brücke Das mickrige Feuer spendete nur unzureichend Wärme und gerade eben so viel Licht, daß man noch erkennen konnte, welcher der vier Männer den Inhalt einer Flasche billigen Fusels momentan durch die Kehle rinnen ließ. | Doch das ist wohl bei deren Lebensweise unvermeidlich und sollte den Leser an dieser Stelle nicht weiter stören. Daher wird diese spezielle Thematik im weiteren Verlauf dieses Textes keine gravierende Rolle mehr spielen. Der Lichterschein unter der alten gemauerten Brücke durch die Flußniederungen zog einige der frühesten Insekten des Jahres an und sorgte in den oft minutenlang währenden Gesprächspausen für spannende Abwechslung, wenn beispielshalben einer dieser geflügelten Winzlinge dem Feuer zu nahe kam und mit zischender Stichflamme aufloderte und verbrutzelte. Henner reichte die Flasche an Franz weiter, rülpste laut und deutlich und sprach mit seiner wohltönenden, vollen Stimme: |
Moritz nickte dazu mit dem Kopf, setzte die Flasche ab, reichte sie an Mirko weiter und bemerkte: | »Ja, es gab sicher gerade nach dem zweiten Weltkrieg jede Menge Versuche, diese Perfektion zu imitieren oder gar zu übertreffen, auch unter Verwendung weitreichenderer Formalismen, wie serieller Musik oder ähnlicher Gedankenspielereien - oder soll man das besser Studentenspäße nennen - aber diese bezaubernde Schönheit und Durchsichtigkeit, dieser Farbenreichtum trotz minimalistischster Mittel ist meines Wissens tatsächlich nie wieder erreicht worden.« Mirko daraufhin: »Stimmt genau. Alles was danach kam, waren doch nicht viel mehr als weitestgehend mißlungene Versuche, das abendländische System der wohltemperierten Stimmung zu unterwandern, zu durchbrechen, zu erweitern. Aber, wenn man mal an Xennakis, Ligeti und Konsorten denkt, irgendwie ging der Schuß so weit nach hinten los, daß ab Neunzehnachtzig praktisch keine alte Sau mehr mit Klangskulpturen, Klangflächen, Tonexperimenten und wie das Kroppzeug auch immer genannt wurde, einen alten Hund hinter dem Ofen hätte hervorlocken konnte.« |
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| Franz kippte sich den letzten Rest des Klaren hinter die Mandeln, warf die Flasche unter der Brücke hinaus ins Gras, seufzte vernehmlich und sagte: »Ich denke, daß gerade Messiaen, der trotz seiner offensichtlich völlig fanatisch-verbohrten Religiosität dennoch ganz anständige Arbeit abgeliefert hat, nicht nur klanglicher Wegbereiter für die heutigen Komponistengeneration war, sondern zwangsläufig die selbe Entwicklung durchlebte, wie sie Hindemith, ja sogar Schönberg bereits vorexerziert hatten. Es macht einfach keinen Sinn, sich einen formalistischen Rahmen abzustecken, innerhalb dessen man sich bis zur Grenze bewegt und sich an selbstgestellten oder adaptierten Prämissen orientiert, die nur ausgesprochen wurden, damit man deswegen im Riemann zitiert wird, selbst wenn es sich dabei um puren Schwachsinn handelt, äh, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, irgendwann hat fast jeder Komponist erkannt, daß mathematisch faszinierende Spielchen zwar ein ganz tolles, geordnetes Notenbild ergeben oder superklasse Oszilloskopbilder, aber letzthin klingt die Musik einfach nur total Kacke. | Ich denke, daß sogar Anton Webern, wenn er nicht erschossen worden wäre, irgendwann das winzige Korsett der Zwölftonmusik verlassen hätte, da er ja bekanntermaßen in der Zwölftontechnik eine logische Fortentwicklung in der Musik sah und nicht etwa eine Revolution oder einen Bruch mit alten, überkommenen Traditionen.« |
| Die drei anderen Männer nickten zustimmend, gaben flatulente Laute von sich und beobachteten wieder die kleinen Flatterwesen, wie sie um und über dem immer kleiner werdenden Feuer ihre komplizierten Tänze vollführten, deren Gesetzmäßigkeiten zumindest für Menschen nicht so ohne weiteres nachvollziehbar waren, sofern es überhaupt welche gab. Wurden die Flugbahnen vielleicht lediglich von Faktoren wie Thermik, seitliche Luftströmungen, dem Verhalten der Artgenossen, Wärmeabstrahlung, Lichteinfall und ähnlichem bestimmt? Folgten sie instinktiv hochkomplexen Flugbahnen, die möglicherweise eine Art von Kommunikation darstellten? Oder zogen sie einfach nur ein bißchen um die Blocks und ließen Fünfe gerade sein? In der Ferne blitze unvermutet ein pulsierendes, blaues Licht auf, dessen Widerschein Momentaufnahmen der Silhouetten der Männer an die groben Steinblöcke der Brücke warfen, welche die vom Feuerschein projizierten schwachen Schatten jeweils für einen winzigen Augenblick überlagerten. | Der blaue Widerschein kam rasch näher und entpuppte sich als Blaulicht eines Polizeiwagens, der am Rande der Uferstraße anhielt. Ihm entstiegen zwei uniformierte Polizisten und näherten sich mit forschen, kräftigen Schritten, bis sie kurz vor den vier Männern, die ausdruckslos ins Feuer starrten, zu stehen kamen. Moritz sah auf und ein Funkeln in seinen Augen verriet, daß dies nicht die erste Begegnung mit diesen beiden Polizeibeamten war: »Ja hallo, wo wart ihr denn so lange? Habt ihr euch verfahren oder was?« Die Polizisten lachten, setzten sich auf ein paar alte Zeitungen, die überall verstreut umherlagen und zogen aus den Innentaschen ihrer schwarzen Dienstlederjacken zwei Pullen Aquavit, eine Flasche Wodka und eine Flasche Scotch. Der Abend zog sich bis zum Ende der Nachtschicht der Ordnungshüter, wobei jedoch die diskutierten Themen eine Spur handfester, aber auch zweifellos spaßiger wurden. | Die beiden Beamten entpuppten sich nämlich nicht gerade als überzeugte Kenner der Werke Anton Webers, aber kannten dafür jede Menge derber Bratscherwitze, die den guten Paul Hindemith vermutlich volle Möhre im Grab rotieren ließen.
»Unter der Brücke« wurde von einem gewissen Herrn Hans Anders im Jahre 2000, also bereits letztes Jahrhundert, höchstpersönlich geschrieben. Diese Geschichte darf zum Zwecke der Erheiterung herumgemailt werden, solange der Urheberrechtshinweis erhalten bleibt. Plagiatoren, welche diese Geschichte als ihre eigene ausgeben, sollten sich vorsehen, daß sie nicht vom Blitz getroffen werden, wenn sie ihre Notdurft verrichten, denn der Autor sieht alles! « Seite ¦ Home ¦ Inhalt ¦ Anfang ¦ Seite » Die Suchmaschine hat keine Frames mitgeliefert, keine Navigation möglich? Na, dann klick' mich! | ||||||||||||