Olivier Messiaen: Turangalîla-Symphonie Olivier Messiaen mag ja aufgrund seiner fanatischen Religiosität für so manchen Freigeist ein rotes Tuch gewesen sein, aber nichtsdestotrotz ist er unumstritten einer der wichtigsten Wegbereiter der Musik der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Die Turangalîla-Symphonie entstand 1946 als Ausdruck der puren, ungehemmten Freude über die Beendigung des 2. Weltkriegs und verwendet selbst zu dem damaligen Zeitpunkt schon ein gerüttelt Maß an Stilmitteln, die andere Komponisten erst viel, viel später aufgegriffen haben. Der balinesischen Gamelan-Musik entlehnte Metallophone, elektronische Instrumente (Ondes Martenot), Klavier, Celeste, Glockenspiel und ein komplettes Orchester bilden häufig z.B. scheinbar unabhängige Klangzellen, die wie Blasen im Raum zu wabern scheinen. Turangalîla stammt übrigens aus dem Sanskrit und bedeutet Freude, Glück usw. in vielen Formen und genau das vermittelt die Symphonie: sie ist nicht nur ein Meilenstein der Musik des vorigen Jahrhunderts, sondern darüber hinaus auch noch lustig, fröhlich und unterhaltsam.
Gibt es da ein schöneres Kompliment als die –eigentlich als Geringschätzung gemeinte- Aussage des Messiaen-Schülers Pierre
Boulez, bei der Turangalîla-Symphonie handele es sich um »Bordellmusik«? Warum sie ein eher stiefmütterliches Dasein im Orchesterrepertoire ist, liegt wohl einerseits am Publikum, die stets Musik zum Mitpfeifen hören will, als auch am hochexklusiven Instrumentarium. Hans Rosbaud / Orchester des WDR / 1954 / WERGO. Die Aufnahme ist künstlerisch herausragend und technisch befriedigend bis gut.
Charles Ives: Orchestral Works Ein Ami der Orchestermusik macht??? Ist das nicht schlimmer als ein englischer Koch??? Gemach, gemach. Wie wohl jedermann weiß, war Charles Ives (1874 - 1954) Versicherungsmakler und Wochenend-
komponist. Und außerdem der selbe Jahrgang wie Arnold Schönberg. Nur mit dem kleinen Unterschied, daß Ives -völlig ohne Kenntnis der aktuellen europäischen Musikszene- schon vor Schönberg atonal komponierte und später sogar mit Vierteltonstimmungen
herumwurschtelte, daß es einem die Nackenhaare aufstellt. Und er hat dann Arnold auch noch um drei Jahre überlebt.
Die Orchestral Works CD beinhaltet die Stücke Three Places in New England (1929), Central Park in the Dark (1906), Robert Browning Ouverture (1912) und The Unanswered Question (1906), die erst lange Zeit nach ihrer Veröffentlichung zurecht als Meilensteine der neuen Musik angesehen wurden. Der Mann war einfach ein Genie, ohne den Zwang »ich muß was anderes machen, egal wie scheiße es ist, aber sonst krieg ich keinen Lehrstuhl«. Die vorliegenden Orchesterstücke sind wahrscheinlich seine berühmtesten und sicher auch seine besten. Stilistisch hat Ives einen Großteil der sogenannten neuen Musik Europas vorweggenommen. Gulbenkian Orchestra / Michel Swierczewski. Interpretatorisch und auch technisch ist die CD sehr gut. Nimbus Records, 1992.
Mark-Anthony Turnage: Drowned Out • Momentum Kai •Three Screaming Popes Mark-Anthony Turnage, Jahrgang 1960 (also für viele Leser schon ein total alter Sack), ist Engländer und Teil einer nicht zuletzt durch Simon Rattle popularisierten Blase von neuen Komponisten, die das Experimentalstadium der 60er und 70er Jahre verlassen haben und einfach nur (ihrer Meinung nach) gute Musik komponieren. Soweit ich weiß, war Turnages Ziehvater zwar Henze, aber der Opener »Drowned Out« von 1993 klingt so ziemlich nach allen Gimmicks, die der gute alte Messiaen seit 1945 in die Orchestermusik eingeführt hat. Nicht schlecht, aber auch nicht sonderlich originell.
Wesentlich eigenständiger wird es vor allem mit dem '90er Stück »Kai« das eine angemessene Prise Jazz, oder besser Gershwin enthält und sich echt gut reinpfeifen läßt. Keine Sorge, es ist kein ausufernd-dämliches Popgedudel sondern brunzgeile Musik für echte Männer. Sogar ein paar seltsame Instrumente (z.B. E-Baß) sind dabei. Der Beinahe-Gassenhauer »Momentum« von 1991 hat hohen Wiedererkennungswert und klingt ein wenig nach Henzes Lehrmeister Paul Hindemith. Tja, so etwas nennt man Familientradition. Technisch ist die Aufnahme (von 1995) über alle Zweifel erhaben und Peter Thomas/Simon Rattle samt Birmingham Symphony Orchestra (und Teilen davon) machen dabei eine ausnehmend gute Figur. Gelungen! Leider vom Großkonzern EMI, 1994.
Peter Michael Hamel: Violinkonzert • Diaphainon Gralbilder Peter Michael Hamel (Jahrgang 1947) ist nicht gerade das, was man einen Shootingstar am Klassikhimmel nennen würde, aber er hat's faustdick in der Feder. Auch er gehört, wie Turnage, zur neuen Generation von Komponisten, die den rein experimentellen Schwachsinn inzwischen hinter sich gelassen haben, obschon es auf der besprochenen Platte noch ein wenig davon zu hören gibt. »Diaphainon« von 1976 ist beispielsweise ein typisches Neulingswerk voller Klangereignisse statt Musik. Aber die knappe Viertelstunde ist nun mal 'ne Jugendsünde, Schwamm drüber.
Das Violinkonzert kann jedoch durch eigenen Stil, Geschmack, schön schräge Auswüchse und dennoch wunderbarer Musikalität und Virtuosität gänzlich überzeugen. An Alban Bergs Violinkonzert gemessen, nimmt sich Hamels Werk sehr gut aus. Ein wahrhaft herausragendes Stück. Das letzte Werk auf der CD »Gralbilder für Orchester« zeigt große Eigenständigkeit und ein gerüttelt Maß an solidem Kompositionshandwerk; klar, Scherzchen hier, Scherzchen da, aber dennoch klasse. Die Platte kommt, wenn man sich nur die Tracks 1,2, 11, 12, 13 anhört, sehr gut rüber, ein Kauf ist durchaus angesagt, auch wenn wohl kaum ein Händler Hamel im Regal stehen hat. Erschienen bei (wo sonst) WERGO, 1993. In den Bildern der CDs sind Links zu weiteren Informationen der jeweiligen Musiker eingearbeitet. Klickt also ruhig mal drauf. | Mark Ribot Y Los
Cubanos Postizos: ¡Muy Divertido! Mark Ribot, den man eigentlich als festen Bestandteil des New Yorker Dunstkreises um die Knitting Factory kannte, hat seit einigen Jahren eine wunderschöne eigene Band, die sich Los Cubanos Postizos nennt.
¡Muy Divertido! (sehr unterhaltsam), der Name ist Programm: Ribot und seine Mannen wärmen alte Kubano-Klassiker mit einem dermaßen schepprig klingenden E-Gitarren-Bandsound auf, daß die Ex-Mitglieder des Buena Vista Social Clubs im Grabe rotieren. Das beste daran ist aber, daß ein Großteil der Stücke keineswegs aus kubanischer, sondern aus Ribots Feder stammen. Gute, kitschige Salsa-Songs in einer richtig dreckig-schäbigen Rockversion gespielt, das ist nicht nur gut, sondern ¡Muy Divertido! Ein Wahnsinnsalbum zum Hinhören und auch mal für Zwischendurch. Immer ein perfekter Genuß. Und außerdem: 10.000.000 Extrapunkte für das optisch beknackteste Booklet des Jahres.
Henry Kaiser: Re-Marrying for Money Auch uralt (1988) ist dieses wunderbare Gitarrenalbum von Henry Kaiser mit John und Hilary Hanes und ein paar netten Gästen, wie z.B. John Abercrombie, Bill Frisell, Fred Marshall, Glenn Phillips und Bruce Anderson. Behutsam schräg, kaum jazzig und natürlich absolut antipoppig. Das schenkt der Enkel seiner Oma nicht zu Weihnachten!
Wie soll man diese wirklich tolle Musik nur beschreiben? Avantgarde ist ein dermaßen dämlich-bescheuertes Wort (denn die Vorhut kann nur Vorhut [nein, nicht Vorhaut] sein, wenn andere ihr nachfolgen und das ist hier wahrlich nicht der Fall), aber hier muß man es wohl oder übel in den Mund nehmen, bzw. auf den Schirm tippen. Vielleicht Avantgarde-Gitarrenrock mit leichten Jazzeinflüssen? Zumindest ist es nicht weit von Fred Frith entfernt, aber viel weniger zwanghaft originell. Ach, wißt ihr was: nervt einfach euren Plattenhändler so lange, bis er es für Euch bestellt und dann hört mal rein, es lohnt sich. Ehrlich, ohne Scheiß! SST Records, 1988.
Jean-Paul Bourelly: Trippin' Jean-Paul Bourelly ist Amerikaner und hält sich seit den Achtzigern für eine gelungene, funkige Reinkarnation von Jimi Hendrix. »Trippin'« ist eines der wenigen Alben, die man überhaupt jemals im normalen Handel bekommen hat, spätere Alben, z.B. »Blackadelic Blu'« gab's nur noch als Direktimport aus Japan zu horrenden Preisen. »Trippin'« ist, hmmm, Hendrix-orientiert mit starken Funk- und Jazz-Einflüssen, aber dennoch nicht unrockig. Besetzung: Gitarrebaßschlagzeugstimme.
Blues? Vielleicht ein klein wenig, aber keine Sorge, dröge Pipimädchenschlager à la Gary Moore bleiben außen vor. Meine Bluesallergie hat sich jedenfalls beim Anhören nicht gemeldet. Dabei spielt Bourelly nicht nur ziemlich wundersam-verquere Dinge auf seiner Gitarre, nein der Mann kann auch noch ziemlich gut dazu singen. Insgesamt macht der Tonträger einen rauhen, kantigen Eindruck, dem weder Groove noch spielerisches Können zum Opfer gefallen sind. Wenn ihr die Scheibe irgendwo findet: Kaufen, es lohnt sich. Enemy, 1991.
Tone Dogs: Ankety Low Day Eine schon etwas ältere Scheibe (1990) in der wundervollen Tradition des modernen, anspruchsvollen Jazz, der aber mehr an einen Himdemith als an einen Verkehrsunfall erinnert, wie das bei Lounge Lizards & Co. schon mal vorkommen kann.
Matt Cameron, Fred Chalenor und Amy Denio (mit Gastmusikern, u.a. Fred Frith und Hans Reichel) experimentieren hier munter mit Klängen, Stilen, ungerader Metrik und Harmonien, ohne die Musikalität aus dem Auge zu verlieren. Dadurch entstehen sphärisch-rockig-folkige Songs (und keine Stücke), die trotz ihres hohen Anspruchs gut zu hören sind. Kennt jemand The Ex & Tom Cora? So ähnlich sind die Tone Dogs, nur viel, viel, viel melodischer. C/Z Records, 1990, CZ016
Das Pferd: Ao Vivo
»Wie kann man nur eine Band Das Pferd nennen, so ein Schwachsinn!« Interesse geweckt? Mal reinhören?
Das Pferd ist eine fünfköpfige Band um den Bassisten Jan Kazda und den Saxophonisten Wolfgang Schmidtke, die offenbar häufig mit Gastmusikern spielen und aufnehmen. »Ao Vivo« ist eine Live-Aufnahme von 1989 bei der kein geringerer als Randy Brecker trompetet. Und was ist das für Musik? Grob gesagt geht es klanglich schwer in Richtung Miles in den Siebzigern (was natürlich mit Randy zu tun hat), aber mit deutlich mehr Groove, Funk und Druck. Die Stücke sind aber nicht je eine LP-Seite lang, sondern durchkomponiert, kernig und anspruchsvoll. Eine richtig scheniale Scheibe allererster Kajüte, kaufen, kaufen kaufen!!!. VeraBra, 1989
Percy Jones Cape Catastrophe Percy spielt bundlosen Baß und klingt wie -nein nicht Jaco sondern- Percy Jones. Der Ex-BrandX-Bassist besitzt die Gabe, Spieltechnik, Sound und Komposition so umzusetzen, daß etwas entsteht, das niemand anderes auch nur annähernd auf die Beine stellen könnte. Auf »Cape Catastrophe« spielt er "Live" zu einem Sequencer der mit Klängen, Rhythmen, Melodien und Phrasen gefüttert ist, die zweifellos "from outer space" stammen müssen.
Streng betrachtet verdichtet er Klassik, beknackte Rhythmen und Klänge auf der Basis unverschämten Könnens zu einem total durchgeknallten Gesamtwerk, das mit nichts auf diesem Planeten vergleichbar ist. Percy Jones hat das Programm der CD jahrelang in New York in einer »One man One Bass Show« gespielt Aber, keine Angst, es ist weder schräg, schaurig oder wasauchimmer, sondern wunderschön und...ach was, der Mann ist ein Genie! HotWire Records, 1990 |