Man fand sie auf Schreibblöcken, Federmäppchen, Schulheften, Stiften und Aufklebern. Sie hatte weniger Unterhaltungswert als der grüne Punkt, und trotzdem: Sobald ein Schreibblock ein Diddlmausmotiv trugt, verlor er seine primäre Funktion als Briefpapier, Notizzettel oder Zeichenblock und degradierte zum schnöden Sammelobjekt. Grundschulkinder sammelten einzelne (!) diddlmausverhunzte Schreibblockseiten so lange, bis sie alle Motive, die der Erfinder (Bo Diddley?) jemals hat ausdenken lassen, in allen DIN-Größen im Besitz hatten. Und es tauchten täglich neue, noch widerwärtigere, abstoßendere, ekelerregendere Motive in der Scene auf; der garstige Stoff schien aus einer unerschöpflichen Quelle zu stammen.
Für die -um es höflich zu formulieren- Diddlmaus-»Sammler« gab es jede Menge verbrecherisch überteuerter Utensils und Devices, wie zum Beispiel Diddlmausschreibblockseitenklarsichthüllensammelordner, die -natürlich- außen ein Diddlmausmotiv aufgedruckt hatten, um die Diddljunkies irgendwann sogar dazu zu treiben, plastikverbrämte Aktenordner zu sammeln. Solange die Kinder diese Blätter ursprünglich nur sammelten und tauschten, erhob sich höchstens einmal die Frage, weshalb ausgerechnet dieses völlig belanglose, häßliche, abstoßende Motiv derart großen Zuspruch bei den kleinen Taschengeldausgebern fand, denn: Die Diddlmaus hatte keine coolen Sprüche drauf (wie Donald Duck), sie war nicht süüüüß (wie die Kelly Family), sie war kein Actionheld (wie Robowarrior IV), sie war nicht lustig (wie Garfield), sie hatte keinen pseudointellektuell-künstlerischen Anspruch (wie Janosch’ Figuren), sie hatte kein erstrebenswertes Äußeres (wie Sarah Kay-Motive), man konnte sie nicht knuddeln (wie ein Monchichi) und man lernte nichts von ihr (wie von den Teletubbies).
Zugegeben, all das könnte man auch z.B. von Verona Feldbusch behaupten, die ebenfalls in dieser Altersgruppe ganz ordentliche Einschaltquoten verbuchen konnte. Aber: Diddlmausschreibblockblättersammeln war nach kurzer Zeit schon nicht mehr das kindlich-unbeschwerte Tauschvergnügen geblieben! Diddlmausschreibblockblätter wurden nämlich seit Mitte der Neunziger nicht mehr getauscht oder verschenkt, sondern in professioneller Schwarzmarktmanier gehandelt! Diddlmausschreibblockblätter wurden auf Flohmärkten, in Hinterhöfen, auf illegalen Auktionen, auf Toiletten und in dunklen Fluren einzeln (!) je nach Größe für DM 0,10 bis DM 10,00 verkauft, so daß sich jeder komplette Block bereits nach ca. 1/8 verkaufter Blätter amortisierte. Diddlmausverweigerer wurden ausgegrenzt, drangsaliert, verprügelt und beschimpft, so daß selbst Kinder mit dreistelligem IQ in diese kriminellen Machenschaften hineingezwungen, ja teilweise geradezu hineingeprügelt wurden. Die Schreibblöcke mit den stumpfsinnigen Motiven waren selbstverständlich um ein Vielfaches teurer als solche mit starken Bären, netten Hasen, niedlichen Ziegen oder lustigen roten Ecken darauf. Und die Eltern der suchtgefährdeten Zielgruppe sahen verständlicherweise überhaupt keinen Grund, für einen Schreibblock, der als solcher sowieso nicht verwendet wurde, mehr als doppelt so viel Geld wie für einen aus dem Wühlkorb zu bezahlen. Dieses nachvollziehbare Unverständnis war in der Regel immer der erste Einstieg in einen Teufelskreis, aus dem die bedauernswerten Süchtigen nur einen einzigen Ausweg sahen: Sie drifteten in die Kriminalität ab, um Geld für immer neue, immer größere, immer mehr Diddlmausschreibblockseiten heranzuschaffen.
In der Erwachsenen-Öffentlichkeit wurden die Pieces, wie die Diddlmausschreibblockseiten bei den Abhängigen hießen, nur auf Flohmärkten gehandelt und die Dealer zeigten hier, abgesehen vom Tatbestand der Steuerhinterziehung, naturgemäß öffentlich nur wenig kriminelle Energie. Sie saßen im Schatten der Tapeziertische ihrer Eltern oder großen Geschwister und lauerten auf Kundschaft. Überzogene Preisforderungen (z.B. DM 0,20 für ein DIN A 7-Piece), scheinbar scherzhaft gemeinte Drohungen und Nötigungen waren gang und gäbe. Und dabei war das nur die Spitze des Eisbergs. Wie die Scene tatsächlich operierte, erzählt uns ein echter Diddljunkie, der den Absprung geschafft hat: Sigismund K. (13 Jahre), der sich zur Zeit immer noch in psychiatrischer Behandlung befindet, war eines der Opfer, die von der Diddlmaussucht aus der Bahn geworfen wurden. Einst ein harmloser netter Knabe, der gerne Eis essen ging, Fußball spielte und vor der Glotze hockte, wurde aus ihm innerhalb kürzester Zeit ein seelisches Wrack, dessen einziger Gedanke die Suche nach Geld für das nächste Piece waren. Kaum war er in die zweite Klasse gekommen, wurde er von allen Mitschülern gehänselt, weil er keinen Diddlmausschreibblock hatte. Ihm war das zunächst egal da er die Diddlmaus sowieso »total doof« fand, aber bald bemerkte er, daß ihn die Mitschüler ausgrenzten: »Es wollte keiner mehr mit mir reden, ich mußte immer alleine nach Hause gehen. Dann haben sie immer meine Sachen aus dem Fenster geschmissen. Und sie haben mich auf dem Klo eingesperrt. Ich kriegte andauernd Kopfnüsse und sie haben dem Lehrer erzählt, ich würde klauen und stinken.« Dieses Martyrium war schlagartig vorbei, als er von seiner Mutter zum achten Geburtstag ein Diddlmausfedermäppchen und einen Diddlmausblock geschenkt bekam, nachdem Sigismunds Klassleiter die besorgten Eltern darauf hingewiesen hatte, daß dieses Motiv, das sich in nichts von den anderen vielen kinderquälenden Comic-Tiermotiven unterscheidet, einen gewissen Status in der Schule zu haben schien. Dem Lehrer war offenbar nicht bewußt, daß die Diddlmaussucht zu diesem Zeitpunkt deutschlandweit zu eskalieren begann und sämtliche staatlichen und familiären Kontrollinstanzen gezwungen waren, ihre Ohnmacht einzugestehen.
Sigismund K.: »Plötzlich war ich wieder wer. Es wollten sogar einige aus meiner Klasse ein paar Blätter heimlich auf dem Klo kaufen. Das habe ich dann auch gemacht. Nach ein paar Tagen wollten aber alle meine Sammlung sehen und ich hatte doch gar keine! Ich habe angefangen, bei anderen Schülern zu kaufen, im Pausenhof zu verhandeln und an anderen Schulen zu stöbern, bis ich am Zehnten mein ganzes Taschengeld für den Monat ausgegeben habe. Ich fing dann an, alten Damen gegen Geld über die Straße zu helfen und klaute die Mark aus Einkaufswägen. Man braucht da nur so eine Kupplung mit dem Bolzenschneider von einem anderen Einkaufswagen abschneiden und im Gedränge, - zack, zack - zieht man sich die Mark heraus. Die Leute merken das erst, wenn sie den Wagen zurückbringen. Und bis dahin ist man schon über alle Berge. Ein paar mal ging ich auch auf den Strich und einmal habe ich einen Kondomautomaten geknackt. Von dem Geld kaufte ich mir ganze Blöcke von dem Stoff und verscherbelte die Blätter. Käufer findest du immer genug (...) In der Scene bist Du nur cool, wenn Du die meisten Pieces hast. Wo die Knete herkommt, fragt doch sowieso keiner.« Sigismund K. war kein Einzelschicksal. So wie er, sind damals tausende Grundschüler durch den kollektiven Gruppenzwang auf die schiefe Bahn geraten. Betteln, Stehlen, Hausieren, Erpressen, Betrügen... kaum ein Verbrechen, das die Suchtopfer für ein Piece außen vor gelassen hätten. Die Polizei war weitgehend machtlos, da die kleinen Verbrecher allesamt noch nicht im strafmündigen Alter waren und die Eltern jedesmal aus allen Wolken fielen, wenn sie erfuhren, daß ihr »braves Kind«, das »diese netten Bilder sammelt« von einem Zivilfahnder auf dem Bahnhofsstrich erwischt wurden. Die Diddlmaussucht zerrüttete zu jener Zeit mehr Familien als Alkoholismus, Arbeitslosigkeit oder eheliche Untreue zusammen.
Damals war nicht nur die Exekutive, sondern auch der Gesetzgeber gefordert. Die Stimmen der Kinderbeauftragten der Bundestagsfrakionen wurden immer lauter, die Strafmündigkeitsgrenze auf 6 Jahre herabzusetzen, um der Polizei einen effektiveren Zugriff auf die Beschaffungskriminellen zu gewährleisten. Die Süchtigen müßten die ganze Härte der Justiz zu spüren bekommen, um Nachahmer abzuhalten! Nur so konnte man, nach Meinung der Zuständigen, ein Kind im vorpubertären Alter davon abbringen, den Einstieg in die Unterwelt zu vollziehen! Glücklicherweise wurden keine Stimmen laut, ganze Schulklassen zu keulen, sobald ein Fall von Diddlmaussucht in einer Klasse bekannt wurde. Damals war definitiv Schluß mit dem Spruch »es sind doch nur Kinder«, denn diese »Kinder« wußten ganz genau, was sie taten! Doch es kam alles anders und schneller, als man dachte: Noch vor dem Ende des Jahrzehnts hatte ein radikal gewinnorientiertes internationales Werbestrategensyndikat einen bis dato beispiellosen Blitzkrieg gegen die letzten Reste von Vernunft und freien Willen der beeinflußbarsten Bevölkerungsgruppe gewonnen. Niemand hat jemals zuvor in kürzerer Zeit mehr Geld für gar nichts aus Kindertaschen gezogen als die Erfinder von Pokémon. Niemals gab es unter Kindern grausamere und gewalttätigere Verbrechen, als aufgrund der Marketingstrategie des Pokémon-Syndikats. Die Idee war simpel: »Hol' Sie Dir alle!« Und wer das nicht tat, war bei den Klassenkameraden nur ein Stück Dreck. 500 Euro wöchentlich für Pokémon auftreiben? Das wäre nichts Ungewöhnliches gewesen. Drogenhandel, Prostitution, schwerer Raub, Trickbetrug und Erpressung, sind nur fünf Möglichkeiten, wie man als Kind zu solchen Summen kommt.
Und dabei steht zu befürchten, daß dies erst der Anfang ist. Der Pokémon ist schließlich noch einfallsloser, noch primitiver, noch abstoßender, noch langweiliger, noch dümmer, noch hingeschmierter und noch billiger als die Diddlmaus. Weniger Niveau für mehr Geld, das ist die Devise Mittlerweile kräht zwar kaum noch ein Hahn nach Pokémon, aber was wird danach kommen? Müssen wir kinderlosen Herren uns bald in Straßenkämpfen gegen mordende, plündernde, brandschatzende, nötigende Kalaschnikids zur Wehr setzen, nur weil ein paar gewinnsüchtige Werbestrategen irgend ein bodenlos häßliches Nichts in die Welt gesetzt haben, mit dem sie Kindern Geld aus der Tasche ziehen kann? Es sieht wohl ganz danach aus.

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