Eiserne Spannung. Das Publikum hält den Atem an. Knisternde Stille im rauchgeschwängerten Saal. Man hätte einen Hubschrauber abstürzen hören können. Oder auch etwas wesentlich leichteres, wie z.B. einen 10-kg-Eimer Partywürstchen. Lediglich das sanfte Geräusch von mikrofaserpoliertem Edelstahl auf verknittertem Leinen, umrahmt von gelegentlichen Zisch- und Gluckergeräuschen füllt den Saal bis in den letzten Winkel. Das Publikum hält immer noch den Atem an.

Leise spricht der Kommentator in der schalldichten Kabine seine Kommentare für das Millionenpublikum am Rundfunk- und Fernsehempfänger.
Spannung. Die Luft ist zum Schneiden dick: Wer wird der World-Ironman 2005? Alles ist noch offen. Die Hubertus-Stubb in Offenbach scheint förmlich zu beben, so knapp hat bisher kein Ironman-Finale begonnen.
Vorjahresweltmeister Ferdinand »Fritz« Häberle aus Sigmaringen führt vor dem Mediterranean Ironman 2003 Jovan Hendri mit nur einem Punkt. Alles ist möglich, der kleinste Fehler entscheidet über Titel oder Niederlage, Triumph oder Schande, Mann oder Maus.

Die Spannung des Publikums kommt nicht von ungefähr, schließlich wurde fürs Finale ausgerechnet die Königsdisziplin ausgelost: Linen Shirt, steamless.
Hier muß ein genormtes, bei 95°C gewaschenes, luftgetrocknetes Trachten-Leinenhemd mit allerlei Rüschenapplikationen und Raffungen ohne Dampf, nur mit Watercan und Dry Iron innerhalb von drei Minuten so exakt wie möglich gebügelt werden. Wer schon einmal versehentlich ein grobleinenes Kleidungsstück bei 95° gewaschen hat, kann den Schwierigkeitsgrad gut nachvollziehen.

Im Moment liegt Hendri offenbar leicht vorne. Gerade nimmt er den vierfach gefalteten, samtverbrämten Kragen in Angriff. Geschickt umspielt die Spitze seines Dry Irons die brandgefährdeten Stellen, sanft rieseln ein paar Tropfen aus der Watercan hier und dort nieder, treffen exakt und zielsicher die Knitterstellen. Scheinbar emotionslos starrt er auf sein Sportgerät. Doch die Anspannung steht ihm ins Gesicht geschrieben.
Die ersten Zuschauer laufen unterdessen blau an und sinken bewußtlos zu Boden.
Dicke, zähe Schweißperlen auf Hendris Stirn. Sein Markenzeichen, die billige Zigarre, ist längst ausgegangen, liegt zerquetscht, zertreten am Boden; seit dem letzten Schluck aus der Bierflasche schienen Jahre vergangen zu sein.

Häberle wirkt nervöser, er klagte bereits am zweiten Tag des knallharten Bewerbs über Verspannungen im Nacken. Manchmal riskiert er einen schnellen Blick zu seinem Herausforderer. Spornt ihn das an oder  macht es ihn nur noch nervöser? Seine Miene verrät nichts, aber die fahrigen Bewegungen, mit denen er seine fettigen Haare aus dem Gesicht streicht, sich am Bauch und am Gemächt kratzt, sprechen Bände. Der Sigmaringer Noch-Champ kämpft verbissen um den Titel, wie ein Ertrinkender auf hoher See.

Es scheint, als ob das diesjährige Preisgeld in Höhe von US$ 185.000,-- ein gerüttelt Maß zur ungewohnten Schärfe im diesjährigen Contest beiträgt: Fünf Teilnehmer wurden wegen unflätiger Beschimpfungen disqualifiziert und es mußten siebzehn Zeitstrafen wegen mangelndem Fair Play verhängt werden.
Wenn man da an die ersten Wettkämpfe in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts zurückdenkt: Damals war der Ironman-Contest nicht viel mehr als eine Schnapsidee einiger Englisch-Lehramtstundenten, die regelmäßig in mehrtägigen Saufgelagen endete, wobei es kaum Unterschiede zwischen Teilnehmern, Publikum und Punktrichtern gab.

Hendri hängt unerwartet bei Zweieinundfünzigsiebenundsechzig das Iron in den Keeper, tritt einen Schritt zurück, klatscht in die Hände und streckt sie nach oben.
Gibt er auf? Ist es möglich, daß...? Das kann doch gar nicht...?
Aber doch! Er ist fertig.
Hendri ist neuer Weltmeister! Die Sensation ist perfekt! Als erster Mensch hat er das Linen Shirt unter drei Minuten geschafft! Wahnsinn!!! Unglaublich!!! Das wird in die Annalen der Sportgeschichte eingehen!
Niemand hat bisher mehr als 95% dieses als unbezwingbar geltenden Hemds in drei Minuten geschafft. Fantastisch.! Ein Bravourstück! Diese gewaltige Anstrengung wiegt nicht minder als die erste Besteigung des Everest ohne Sauerstoff. Viele werden es versuchen, viele werden scheitern, wenige werden es schaffen.

Den Punktrichtern steht der Mund offen, das Publikum tobt, rotweißblaue Fahnen werden geschwenkt, Kronkorken ploppen, Slivovitz fließt in Strömen... ein Tohuwabohu, ein Freudentaumel, eine Siegesfeier, wie Sie die Sportwelt noch nicht gesehen hat...

Doch noch ist der Kampf nicht zu Ende. Hat Hendri als erster und einziger wirklich die vollen 60 Punkte erreicht? Ist das Linen Shirt penibel falten- und knitterfrei, hat er nicht ein Eckchen vergessen? War er nicht etwas voreilig?
Ein wenig abseits steht der designierte Ex-Champ. Wieviel Punkte mag er wohl erzielt haben? 56? Die bisherige Weltrekordmarke von 57? Oder gar darüber?
Doch die Punktrichter sind streng, aber gerecht.

Nach einigen Minuten steht es fest: Hendri ist neuer Weltmeister mit 60 Punkten plus 8 Zeitpunkten und hat mit seinem grandiosen Rekord in dieser Disziplin die Latte so hoch gelegt, daß es Jahre dauern dürfte, bis er gebrochen wird. Ein echtes Jahrhundertereignis!

Sensationen dieses Kalibers werden diesen Sport populärer machen, als er ohnehin schon ist. An Sponsorengeldern mangelte es in den letzten Jahren ohnehin nicht, aber solche sensationellen Rekorde könnten den Ironman-Contest auf ein Niveau hieven, das Formel 1, Fußball oder Leichtathletik in nichts nachsteht.
Mal sehen, wie es 2006 in São Paulo aussieht, das Fernsehen wird sich darum reißen. Und auch Olympia wird sicher nicht mehr lange auf sich warten lassen...

 

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